Bibliotheken öffnen Welten – aber welche?

Das ist mal wieder ein großes Versprechen, das der Bibliothekartag 2014 ausgerufen hat: Bibliotheken öffnen Welten! Nicht nur von der einen gemeinsamen Welt, gleich von mehreren ist die Rede.

Umwelt? Lebenswelt? Phantasiewelt? Weite Welt?

Bei genauem Hinsehen ging es diesmal vor allem um die digitale Welt. Und dann im zweiten Schritt um jene Welten, die die digitale Welt zu öffnen verspricht. Aber da gehen die Meinungen schon auseinander: Was öffnet sich in der digitalen Welt und was verschließt sich dort vielleicht auch für den einen oder die andere? Und wo klemmt die Tür?

Um das herauszufinden – dafür sind mehrere Sinne gefragt: genau hinhören, genau hinschauen, nachspüren, beweglich bleiben. Wenn es dem Bibliothekartag gelungen ist, zu einer solchen Sensibilisierung beizutragen, dann lässt sich vielleicht sagen: Challenge accepted!

Challenge accepted? Vor der großen Wand mit einem kunstvollen Arrangement ganz unterschiedlicher Gesichter aus der Bremer Bevölkerung, die dem gleichnamigen Buch zu Bibliotheken im demografischen Wandel als Titelgestaltung diente, begann für mich am Mittwoch der Bibliothekartag 2014 in der Stadtbibliothek Bremen.

Download zum Demografie-Buch: https://www.ibi.hu-berlin.de/studium/studprojekte/buchidee/bi13/bi13_preprint.pdf

Geradezu sinnbildlich, wie ich finde: Denn der Eindruck von all diesen vielen menschlichen Sichtweisen und Wesenszügen, die in dem Buch aus unterschiedlichen bibliothekarischen Perspektiven in den Blick genommen werden, stand mir die ganze Kongresszeit über vor Augen – auch und gerade, weil das Thema Digitalisierung in manchen Veranstaltungen so oft und dominant für die Rechtfertigung bibliothekarischer Arbeit herhalten musste, dass dabei der genaue und differenzierte Blick für die so verschiedenen Interessen und Bedürfnisse in eben dieser menschlichen Vielfalt mitunter etwas zu  verschwimmen drohte.

Wie ist Leseförderung in einer veränderten Medienwelt neu zu definieren bzw. sorgfältiger zu differenzieren?

Mein Anliegen war es, drei Tage lang schwerpunktmäßig der Frage nachzuspüren, wie Leseförderung in einer veränderten Medienwelt neu zu definieren bzw. sorgfältiger zu differenzieren ist, als es bei einigen aktuellen Aktionen derzeit geschieht und durchaus von verschiedenen Seiten kritisch hinterfragt wird. So war es nicht verwunderlich, dass ein Beitrag zum Förderprogramm “Lesen macht stark. Lesen und digitale Medien” eine kontroverse Debatte dazu auslöste, ob Nutzen und Aufwand dieser von der Stiftung Digitale Chancen maßgeblich begleiteten Kampagne dem wirksamen Engagement für eine nachhaltige Leseförderung tatsächlich hilft oder dieses eher erschwert bzw. in eine Richtung zwingt, die mitunter zu fragwürdigen Umsetzungsmodellen führt. Denn nicht der Einsatz von digitalen Lesestiften oder Beamershows entscheidet darüber, ob Kinder das Lesen nachhaltig als lustvoll und sinnstiftend für sich erleben, sondern vielmehr die damit verbundene Beziehungs- und Umwelterfahrung. Diese wiederum kann, muss aber nicht zwingend mit digitalen Mitteln verbunden sein.

Wann also, so musste man sich bei dem Kongress mehr als einmal fragen, setzt endlich jene Entspanntheit ein, mit der digitale Chancen neben den vielen anderen Chancen menschlicher Orientierung und Entwicklung wertzuschätzen und wahrzunehmen sind, aber nicht dermaßen überbewertet zur Rechtfertigung von Bibliotheken herangezogen werden müssen , wie es z.T. immer noch geschieht.

Dr. Schmid-Ruhe aus Mannheim verwies in seinem Vortrag auf Brechts Radiotheorie aus den frühen 1930er Jahren, um daran anknüpfend die Dringlichkeit zu unterstreichen, endlich ernst zu machen mit Social Reading und Digital Storytelling in Bibliotheken. Er hätte ebenso Janusz Korczak (1878-1942) zitieren können, der zur gleichen Zeit bereits erfolgreich Mitmach-Radio mit Kindern praktizierte – wenn auch aus vermutlich anderen Motiven.  “Soziales lesen, erzählen und schreiben” mit Kindern und Jugendlichen gehörte bei ihm schon damals längste zum Alltag – überall, mit oder ohne Medien, wo Austausch und Begegnung möglich und sinnvoll waren. Ihm ging es darum, den Kindern eine Stimme zu geben und dabei bediente er sich souverän und selbstverständlich der verschiedenen medialen Möglichkeiten seiner Zeit, ohne das zum eigentlichen Thema seines Engagements zu machen. Die Ansätze aus Mannheim sind zweifellos bedenkenswert,  aber nur neu in der Wahl des Mediums und weniger vom Ansatz her. Was das nun in digitaler Form tatsächlich – vom Kind oder Jugendlichen her gedacht – an Fort- oder Rückschritt für die Beziehungsqualität und Lesemotivation bedeutet, konnte mit dem Vortrag nicht deutlich beantwortet werden.

Lesen als Wahrnehmung und Entschlüsselung der vielen Sprachen und Ausdrucksformen der Menschen

Vor diesem Hintergrund stand der Donnerstag ganz im Zeichen eines gründlichen Erfahrungsaustausches mit Bestandsaufnahme zu allen Facetten der Leseförderung heute – vom Kleinkind bis zu Hochbetagten als Zielgruppe. Die Nutzung digitaler Medien nimmt hierbei ganz selbstverständlich einen breiten Raum ein – aber die anderen Medien, Kommunikations- und Vermittlungsformen eben auch! Soziale Interaktion und Inspiration zu Anschlussaktivitäten sind in einer multimodalen Medienwelt von entscheidender Bedeutung und können zu einer Lesemotivation beitragen, die nicht vorrangig auf “stärker, besser, erfolgreicher, moderner” abzielt, sondern Lesen und die damit verbundenen Erfahrungen als Habitus, als Wahrnehmung und Entschlüsselung der vielen Sprachen und Ausdrucksformen der Menschen begreift und zu unterstützen sucht – bis hin zu der Frage: Wie lassen sich die “erlesenen” Geschichten, Bilder und Erinnerungen eines langen (Lese-)Lebens weiter wertschätzen und identitätsstiftend achten, wenn bei eingeschränkter Alterskompetenz die Fähigkeit des Lesens unwiederbringlich schwindet?

“Lesen schenkt der Fantasie Flügel” könnte man statt “Lesen macht stark” vielleicht treffender für ein ganzes Leben sagen. Oder “Lesen verbindet Menschen”. Aber das taugt vielleicht nicht als erfolgsorientiertes Motto.

Immerhin ging es am Freitag dann doch nochmal um Menschen, nämlich jene, die sich von schwer verständlicher Sprache ausgeschlossen fühlen könnten. Ihnen mit einer Leichten Sprache (oder mit “Einfacher Sprache” – da ist die Terminologie in der Praxis nicht immer ganz eindeutig) zu begegnen, ist zunächst einmal eine menschliche Herausforderung, die mündlich wie schriftlich mit großem Einfühlungsvermögen zu meistern ist. In allen Medienformen!

Die beim Bibliothekartag angestoßenen Diskussionen werden nach Bremen auf verschiedenen Ebenen weitergehen – zum Beispiel in online-Foren: (Mindestens) zwei neue Open Access Fachzeitschriften –  Informationspraxis und o-bib – haben ihr Erscheinen angekündigt. Sie werden nach und neben der bereits seit Jahren existierenden Open Access Zeitschrift Libreas wie auch neben dem Klassiker BuB ihr jeweils eigenes Profil (und ihre AutorInnen!) in der bunter werdenden Landschaft der Fachzeitschriften suchen. Und sie werden durch die Qualität der Beiträge zu beweisen haben, ob zu halten ist, was sie im Vorfeld versprechen. Ob sie eine vermeintliche Lücke schließen im Spektrum der bereits vorhandenen Publikationsmöglichkeiten im Print- oder Online-Format und einen ausreichend großen Kreis an AutorInnen und LeserInnen längerfristig ansprechen können, wird bei den nächsten Bibliothekartagen zu bilanzieren sein.

Herausforderung angenommen?

Das gilt es für Bibliotheken in mancher Hinsicht weiter zu fragen – in menschlicher, technischer,  politischer, sozialer, kultureller…Wäre ja schön, wenn Bibliotheken der Zukunft Vielfältiges und Experimentelles wie auch Verbindendes zeigen dürfen – so facettenreich wie die Gesichter auf dem Kunstwerk in Bremen!

Susanne Brandt