Zwischen Heide und Himmel – Erinnerungen an Etty Hillesum

Foto: Susanne Brandt

Seit dem 100. Geburtstag von Etty Hillesum (1914-1943) wird in diesem Blog immer mal wieder an das Leben dieser Frau und an ihre Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 1941-1943 in besonderer Weise erinnert. Eröffnet wurde zu diesem Anlass eine Kategorie, um hier auch über das Gedenkjahr hinaus mit Textzitaten, Medien- und Veranstaltungs-Tipps ihr Denken und Schreiben unter verschiedenen Aspekten zu würdigen.

Die besondere Aufmerksamkeit bei der Auswahl gilt ihren kraftvollen sprachlichen Bildern für das Lebendige und Schöpferische, die zu großen Teilen von intensiven Natur- und Sinneserfahrungen – Himmel und Meer, Wärme und Weite, Blumen und Bäumen – inspiriert sind.

Als eine lyrische Annäherung an ihr Leben möge ein “Chanson für Etty Hillesum” zum Weiterlesen einladen:

Chanson für Etty Hillesum*

Bei ihr brannte oft in der Nacht noch ein Licht,
dann schrieb sie in ihr Tagebuch.
Verbittert und sprachlos aufs Ende zu warten,
war für sie noch lang nicht genug.
Lag um sie herum auch soviel schon in Scherben,
sie holte die Teilchen ans Licht.
An all diesen Brüchen, an Widersprüchen –
daran zerbrach sie nicht.

Sie wusste, da ist ein besonderer Schatz,
den niemand ihr wegnehmen kann:
die Lust noch zu lieben, zu lachen zu leben
fing jeden Tag neu für sie an.
Sie warf sich nicht wehrlos dem Tod vor die Füße,
blieb fragend und wach vor ihm stehn.
Sie wollte ihn aufrichtig kennenlernen,
um nicht in ihm unterzugehn.

Wie malend mit kraftvollem Pinselstrich,
entwickelte sie Wort für Wort
die Bilder, gerahmt zwischen Heide und Himmel
inmitten von Westerbork.
Sie schrieb von den Menschen in dunklen Baracken,
sah Dinge, die keiner mehr sah:
verborgen noch leuchtende Lebensfarben
die waren bei ihr wieder da.

Ihr Weg wurde enger, das schreckte sie nicht.
Der Himmel darüber blieb weit,
gab Luft noch zum Atmen – trotz Not und Bedrängnis
erschien sie ihr kostbar, die Zeit.
Sie fand für das Leben ganz andere Maße,
hat nicht mehr die Jahre gezählt.
In tiefen Begegnungen, Stunden, Gedanken,
da war für sie alles erfüllt.

Susanne Brandt

*Etty Hillesum (1914-1943) lebte als jüdische Studentin in Amsterdam und verfasste 1941-1943 ein bis heute viel beachtetes literarisch-philosophisches Tagebuch, in Deutschland erschienen unter dem Titel „Das denkende Herz“. Sie kam 1943 in Auschwitz um. Ihre Aufzeichnungen wurden erstmals 1981 in den Niederlanden veröffentlicht. 

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