“Sing ein Lied in den Wind” oder Was klingt im Märchen vom Eisdrachen?

Eigentlich sollte dieser Beitrag “nur” ein Buchtipp für die Winter- und Weihnachtszeit werden. Und damit fange ich auch an: Meine warme Empfehlung gilt heute einem zunächst frostig anmutenden Buch. “Der Eisdrache”, geschrieben von Troon Harrison und illustriert von Andrea Offermann, ist ein magisches Märchen für jedes Alter, zum Vorlesen geeignet ab etwa 6 Jahre. Es erzählt von einem Mädchen, das sich hinaus wagt ins Leben. Der Vater krank, die Mutter in Sorge um die anderen Kinder, sieht das Mädchen keine andere Lösung, als den Eisdrachen, den sie für das Schicksal ihrer Familie verantwortlich macht, vom Dach der Hütte zu vertreiben. Aber der Drache geht nicht. Er kann nicht verschwinden, solange das Mädchen ihn zu bekämpfen sucht. Drei Nächte gehen ins Land – sehr langsam wagt das Mädchen eine Annäherung, bis das Eis förmlich zu brechen scheint. Mit einem Lied kommt etwas in Bewegung. In die erstarrte Not mischt sich etwas Spielerisches. Das Mädchen entdeckt die Kraft der Phantasie, singt der beißenden Kälte mutig ins Gesicht, tastet sich bis zu den Flügeln vor – und erlebt eine Befreiung…

Soweit der Familien-Vorlese-Tipp für kalte Abende am Ofen. Beim zweiten und dritten Lesen des Buches habe ich allerdings noch etwas gemerkt: In dem Märchen klingt etwas! Dort, wo von dem singenden Mädchen erzählt wird, verrät das Buch nichts genaues über das rettende Lied, das sie dort anstimmt. Muss es auch nicht. Denn hier will die Musik durch inneres Hören gefunden werden…

Mir waren am Ende der Geschichte Töne aus einer vertrauten Melodie im Ohr, neue Worte kamen hinzu und verbanden sich zu einem Lied, zu einem Winterlied, das auch über die Geschichte hinaus in die grauen und kalten Wintermonate klingen kann:

T. Susanne Brandt / M. trad.