Von den Gefühlen hinter den Fakten. Vorlesen als Welterfahrung

Am Abend des bundesweiten Vorlesetages 2013 sei ein differenzierter und teilweise auch  kritischer Blick auf das große Werben für das Vorlesen in all seinen medialen Varianten erlaubt. Stoff und Inspiration dafür liefert ein gerade erschienenes Buch: “Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum”, gemeinsam verfasst von Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther.

Kritisch ist die hier zu entdeckende Sichtweise auf viele Medien- und Leseförder-Botschaften – besonders im Blick auf die Sprachentwicklung jüngerer Kinder – deshalb, weil dabei oft das Medium und der mutmaßliche Fördereffekt auf das kindliche Sprechen und Lernen durch eben die verschiedenen Medienformen im Mittelpunkt stehen – die begleitenden Erfahrungen aber, die das Vorlesen bei den Jüngsten überhaupt erst fördernd wirksam werden lassen, bei vielen Kampagnen rund um Bilderbücher und Kleinkinder-Medien oft nur am Rande zur Sprache kommen.

Beziehungserfahrungen sind entscheidend

Genau hier setzen die Überlegungen der beiden Autoren an: Zweifellos kann das Vorlesen, können Bilderbücher, Apps oder andere Erzählmedien bei kleinen Kindern die Lust an Geschichten, am Hören, Schauen und Lesen anbahnen – doch gelingt das vermutlich nur dann wirklich nachhaltig, wenn andere wichtige Faktoren dazu kommen. Denn entscheidend bei der frühkindlichen Entwicklung (und somit auch bei der sogenannten frühkindlichen Leseförderung) ist vor allem die Frage, wie weit ein Medium bei der Vermittlung hilfreiche Beziehungserfahrungen und lebendige sinnliche Erlebnissen erlaubt, wieviel Zeit es lässt für das eigene Ausprobieren, Mitgestalten, Reagieren und Nachdenken im eigenen Tempo, wieviel Freiraum es bietet für das “Lesen” in den Klangfarben der Stimme, der Mimik und Gestik der Sprechenden, wieviel Empfindung es erlaubt durch Körperspannung, Bewegung und Emotionen.

Nicht die Häufigkeit an Vorlesestunden ist verantwortlich für  positive Lern- und Entwicklungseffekte durch Bücher und Medien, sondern eher die Frage nach der Beziehungsqualität und Einbindung des Medienerlebnisses in natürliche und sinnliche Erfahrungen mit der Umwelt. Und diese Frage stellt sich bei Büchern ebenso wie bei Bildschirmmedien.

Kritisch wird zu Bedenken gegeben, welcher Zuwachs an kindlichem Wissen und Erfahrungsreichtum zum Beispiel durch TING- oder TipToi-Stifte erreicht wird, wenn diese lediglich beliebig wiederholbare, in ihrer Farbigkeit und emotionalen Ausdruckskraft nicht dialogisch zu beeinflussende Geräusche und Stimmen produzieren, die anfangs zweifellos einen Reiz ausüben – dann aber schnell an Reiz verlieren, wenn nicht gleichzeitig  soziale, emotionale und sinnliche Erfahrungen das Medienerlebnis begleiten und ergänzen. Von der überraschenden Klangvielfalt der Umwelt wie auch von den unerschöpflichen Mitgestaltungsmöglichkeiten bei der Interaktion von menschlichen Stimmen, in denen immer auch Emotionen mitschwingen und unmittelbare Reaktionen spürbar werden, bleiben die “Zauberstifte” weit entfernt.

Geschichten unter Bäumen / Foto: Susanne Brandt

Die Autoren üben keine Generalkritik an bestimmten Medienformen, sondern sensibilisieren für die Chancen und Grenzen beim Medieneinsatz und werben dafür, dem Potential einer natürlichen und sozialen Umwelt mehr Wirksamkeit für eine gesunde Entwicklung zuzutrauen als all den großen Förderversprechen durch Medien jeglicher Art.

Die Mischung macht’s – 5 Aspekte als Orientierungshilfe

Die Mischung macht’s – und diese sollte Freiraum und vor allem Zeit lassen für alles, was jüngere Kinder bei der Begegnung mit Medien entdecken. “Auf 5 Punkte gebracht” heißt das konkret (in Anlehnung an “7 Gründen…”  nach Hüther/Renz-Polster, S.147-151 formuliert und weitergedacht…):

1 – Beziehungen erleben und Begleitung erfahren: Kinder lernen ihre innere und äußere Sprache über Beziehungen und lebendige Interaktion mit allen Sinnen. Sie brauchen bei der Mediennutzung einfühlsame  Menschen an ihrer Seite als Mittler zwischen dem Erfahrenen und dem inneren Erleben

2 – Gestalten und probehandeln nach eigenen Ideen: Nur in flexibel und spielerisch gestalteten Erzähl- und Vorlesesituationen mit Raum für eigene Bilder und Ideen (z.B. zur freien Entfaltung nach der Geschichte) ist ein Probehandeln möglich, das dabei hilft, den Umgang mit den eigenen Gefühlen einzuüben.

3 – Zeit lassen: Jedes Kind hat ein eigenes Tempo, mit dem es Dinge erkennt, bedenkt und ergründet.

4 – Entwicklung und Lösungen in Geschichten entdecken: Kinder suchen nach der Auseinandersetzung mit Gefahren und Widerständen, aber auch nach Lösungen in Geschichten. Hilfreiche „Heldengeschichten“ sind Entwicklungsgeschichten und keine Machtgeschichten von geborenen Siegertypen.

5 – Ruhe und Bewegung im Wechselspiel: Kinder brauchen den Wechsel von Drinnen und Draußen, den Wechsel vom Lesen zum Erleben und vom Erleben zum Lesen.

Geschichten Gestalt verleihen / Foto: Susanne Brandt

Wenn es also darum geht, mehr und mehr vertraut zu werden mit dem Wissen der Welt, dann taugen diese 5 Denkanstöße  als Orientierungshilfe für die Gestaltung von Vorlesesituationen wie für andere Formen der Medienvermittlung in dialogischer und sinnlicher Weise und lassen sich lebendig in Beziehung bringen zu Inhalt und Form der Medien. Denn „hinter den Fakten suchen Kinder Farben, Gefühle, Geschichten. Daraus bauen sie ihre innere Welt“, heißt es an einer Stelle des Buches.

Vielleicht ist es die wichtigste Herausforderung beim Vorlesen, eine Tür zu diesem “Dahinter” zu öffnen….

Susanne Brandt

Buch-Tipp: Herbert Renz-Polster / Gerald Hüther: Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken. Weinheim : Beltz-Verlag, 2013