Worte wie Wind unter den “Seelenflügeln”

 

Sigurd Kuschnerus: Koinzidenz / Foto: Susanne Brandt

“Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.”

“Weckworte” nennt der Slam Poet Lars Ruppel Zeilen wie diese aus Eichendorffs “Mondnacht”.

Sie rühren etwas an in Menschen, lassen alte Bilder neu vor das innere Auge treten, verbinden sich mit Erinnerungen – und das nicht nur im Kopf. Der ganze Körper reagiert, wenn die Worte ihn erreichen: entspannte Gesichtszüge, strahlende Blicke, ein Lachen, wippende Füße, schwingende Arme…In der vergangenen Woche war Lars Ruppel auf Einladung der Büchereizentrale Schleswig-Holstein im Rahmen des Projekts “Picknick im Labyrinth”  zu Gast in Flensburg und Bordesholm. Jugendliche wie auch alte Menschen im Pflegeheim ließen sich von Lars Ruppels Weckworten, vor allem aber von seiner Warmherzigkeit anstecken, die über die Gedichte direkt zu den Menschen kommt, wenn er anfängt, im Rhythmus der Verse die Hände zu schütteln oder gar zu tanzen…

Gedichte aufsagen? Damit verbinden viele noch immer beklemmende Erfahrungen aus der Schule. Gedichte (er)leben? Das sieht anders aus: Da werden Worte zu lebendigen Brücken zwischen Menschen, zwischen ganz jungen und ganz alten, die sich zunächst fremd sind, die sich erstmal kaum etwas zu sagen haben – wäre da nicht dieses Gedicht mit seinem Schatz an verbindenden Bildern, Bewegungen und Sinneswahrnehmungen.

Auch die Bibliotheken, die an dem “Weckworte”-Erlebnis mit Lars Ruppel in Schleswig-Holstein als Initiatorinnen und Veranstalterinnen maßgeblich beteiligt sind, lassen sich beflügeln und neu daran erinnern: Es kommt darauf an, die Texte aus den Büchern und Dateien mitten ins Leben zu holen. Dass man in Bibliotheken einen unerschöpflichen Schatz an alten und neuen Gedichten finden kann, ist schön. Dass die Kataloge dabei helfen, in dieser großen Fülle schnell und gezielt das Richtige zu finden, ist hilfreich. Dass der Sinn dieser Sammel- und Erschließungsarbeit aber darin besteht, Worte und Menschen zusammenzubringen, ist das wichtigste – und das weiteste Feld der bibliothekarischen Arbeit. Lars Ruppel hat dafür einen von vielen Wegen mit seinen “Weckworten” entdeckt und macht anderen Mut zum Ausprobieren.

Einen Film zur Inspiration gibt es hier: http://www.youtube.com/watch?v=WF9nEGZSjO4

Und eine kleine Sammlung von geeigneten Gedichten ist hier zu finden: Gedichte für Jung und Alt

Weitere Informationen zum Projekt in Schleswig-Holstein: http://www.bz-sh-medienvermittlung.de/?p=486

Susanne Brandt