Transparente Grenzen – eine Bilderreise durch Småland

Von der Natur mit ihren Geschichten, Farben und Lichtspielen

Wenn man anfängt, von Smålands Natur zu erzählen, so schwingen die Bilder und Geschichten der Märchentradition, der Literatur und der Glaskunst stets mit. Und wenn man mit den Geschichten oder mit der Glaskunst beginnt, so erzählt man immer auch von der Natur. Das eine greift ins andere, scheint überall gegenwärtig und untrennbar miteinander verwoben.

Wie und wo also den Anfang machen im Rückblick auf eine Spätsommerwoche in Småland?

Vielleicht mit der geheimnisvollen Atmosphäre des Wassers und der Vegetation, die man hier mit einer so außerordentlichen Intensität erfahren kann:

Toftasee im Morgennebel / Foto: Susanne Brandt

Kein Wunder, dass bei diesen facettenreichen Farben und Lichtverhältnissen, bei diesen Dunst- und Nebelzaubereien „Ronja-Räubertochter-Erinnerungen“ aufkommen, dass in dieser Landschaft so viele Märchen verbreitet worden sind und sich Künstler – bildende wie schreibende – immer wieder mit Grenzerfahrungen auseinandersetzen, von Todesnähe, Bewährung und Wegen durch das Ungewisse zu erzählen wissen.

Eiszeitwald / Foto: Susanne Brandt

Einen vielfältigen Eindruck von den Eigenarten der småländischen Landschaft vermittelt zum Beispiel der Eiszeitwanderweg Gråstensmon bei Målerås mit seiner seltener Vegetation und herbstlichen Pracht der rot und gelb leuchtenden Beeren und Sträucher.

Weitere Infos: http://zauberhafte-wanderwege.blogspot.de/2012/10/grastensmon-wanderweg-bei-maleras.html

Mit gut erschlossenen Wegen durchzogen ist auch das Naturreservat Fylleryd bei Växjö, das zugleich eine Etappe des Westsigfrid-Pilgerwegs mit einschließt,  der seit 2011 die Region Småland ans europäische Pilgerwegnetz anschließt.

Weitere Infos: http://treffpunkt-schweden.com/aktivitaeten/wander-urlaub-in-schweden/pilgrimsleden-smaland

Farben am Rande des südschwedischen Pilgrimsleden / Foto: Susanne Brandt

Wer’s abenteuerlicher mag, verzichtet auf ausgeschilderte Strecken und orientiert sich auf andere Weise – dann aber können die Expeditionen durch die endlos anmutenden Wälder sehr weit und lang werden. Denn auch die vielen Seen taugen nicht als unverwechselbare Wegmarken in der von Gewässern durchtränkten Landschaft….

Von den Geschichten, die immer auch von der Natur erzählen…

Es ist nicht zu übersehen: Småland ist die „Astrid-Lindgren-Welt“ – und das keineswegs nur im Freizeitpark! Die typischen „Bullerbü-Häuser“ aus rotem Holz stehen überall.

Holzhaus am Waldrand bei Orrefors / Foto: Susanne Brandt

Die nebligen Seen und zerklüfteten Felsenlandschaften erinnern an literarische Kinderabenteuer und für Räubergeschichten braucht es in den unübersichtlich verwachsenen Wäldern, die reich sind an geheimen Schleichwegen und Verstecken, nicht viel Phantasie.

Meine Reiselektüre für diese Woche bestand aus einer Erzählung –

Boote am Toftasee / Foto: Susanne Brandt

„Der Mann im Boot“ – des schwedischen Autors Per Olov Enquist, smaländischen Märchen aus der Sammlung des bekannten Sammlers Gunnar Hylten-Cavallius aus Växjö und etwas Literatur zu Selma Lagerlöf – letztere eher als Vorlage für die anstehende Erarbeitung eines Weihnachtssingspiels, bei dem die neu dafür zu schreibenden Liedtexte gern einen Hauch von schwedischer Spätsommerluft in sich tragen dürfen.

Die Erinnerungen an all die wohl lückenlos gelesenen Astrid-Lindgren-Geschichten sind so präsent, dass die Bücher zu Hause bleiben konnten – und die ganze Woche über immer mit dabei waren.

Als Neuentdeckung vor Ort kam noch die Gratis-App „Das Märchenland“ dazu –  ein virtueller Wegweiser zu 40 märchenhaften Orten, an denen man sich dann unterwegs per Handy das dazu passende Märchen vorlesen lassen kann.

Weitere Infos: https://itunes.apple.com/de/app/das-machenland/id432902253?mt=8

Aber 40 Märchen müssen es gar nicht sein. Mir persönlich reicht aus Hylten-Cavallius Sammlung eigentlich ein einziges Märchen, nämlich „Der Hirte“, das den ganzen Reichtum an landestypischen Bildern und Motiven in sich trägt: Glas, Gesang, Musik, Natur…

http://www.zeno.org/M%C3%A4rchen/M/Schweden/Gunnar+Hylt%C3%A9n-Cavallius+und+George+Stephens%3A+Schwedische+Volkssagen+und+M%C3%A4rchen/6.+Der+Hirte

Dass Glas und Märchen zusammen gehören, haben die Museumspädagogen des Glasmuseums in Växjö übrigens auch entdeckt und ein extra Erzählzimmer dafür eingerichtet.

Auf den ersten Blick weniger offensichtlich, aber umso erstaunlicher ist noch ein anderer Bezug zwischen Glas, Natur und Erzählkunst, der in der Geschichte „Der Mann im Boot“ von Per Olof Enquist steckt. Wer diese gelesen hat und sich anschließend mit der Boots-Symbolik des

Werk von Bertil Vallien, Kosta / Foto: Susanne Brandt

småländischen Glaskünstlers Bertil Vallien beschäftigt, stößt wohl nicht zufällig auf verblüffende Parallelen – und auf die immer wieder thematisierte Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod, die das „Wasserland“ wie ein stiller Fluss durchzieht.

Um eine Frage komme ich angesichts dieser reichen literarischen Quellen natürlich nicht vorbei: Wie steht es um die Lesekultur und die Bedeutung der Bibliotheken in dem Land mit den langen Wintern?

Durch ein Gespräch mit einer Kollegin in der Stadtbibliothek Växjö erfahre ich: Längst nicht mehr so gut, wie man es sich von Deutschland aus gern vorstellt! Einerseits bieten die öffentlichen Bibliotheken ein erstaunlich hohes Service-Niveau mit 7-Tage-Woche, verschiedenen Varianten von mobilen Medien-Tauschdiensten (auch bei „unserem“ Bäcker besteht ein Angebot für unkomplizierte „Fernleihen“ und Rückgaben), einem breiten digitalen Angebot und einer großen Zahl von Veranstaltungen – auch auf dem Lande. Aber das alles scheint den Einbruch von Leserzahlen nicht aufhalten zu können – und damit auch nicht die drohenden Mittelstreichungen der Kommunen.

Ein Grund dafür ist sicher die sehr gute flächendeckende Datennetzversorgung und die wachsende Selbstverständlichkeit vieler Schweden, sich mit Informationen und Medien online selbst zu versorgen. Es sind vor allem die jungen Familien mit kleinen Kindern und (noch) die älteren Menschen, die die Büchereien nutzen – aber ist das eine Basis für die nächsten 20 Jahre? Hier wie überall wird sich zeigen müssen, ob gemütliche „Bücher-Cafes“, individuelle Dienstleistungen und  Zielgruppenangebote es schaffen, die Büchereien „fit für die Zukunft“ zu halten. Das E-Book-Angebot der Büchereien jedenfalls scheint sich nicht (allein) als Lösung für den Leserschwund zu bewähren….

Von einer Glaskunst, die durchlässig scheint für all das Erzählte und Elementare….

Transjö hytta / Foto: Susanne Brandt

Und auch die Zukunft des småländischen „Glasreichs“ scheint ungewiss: Hüttenschließungen wie zuletzt die Stilllegung von Orrefors machen deutlich, dass sich Glasdesign aus Schweden als Kunsthandwerk kaum mehr gegen Billigangebote aus China behaupten kann. Einzelne kleine Kunstateliers und Werkstätten in der Einsamkeit, wie die Transjö hytta (gesprochen: transcher-Hoota) mit den tanzenden Figuren des

Foto: Susanne Brandt

Glaskünstler Sven-Ake Carlsson oder das seit 20 Jahren sozial und ökologisch ausgerichtete Konzept der Glaswerkstatt Hauge mit einem Recyling-Design in den Farben der Natur – tief im Wald versteckt, aber mit Kunden aus aller Welt – zeigen dagegen, wie sich Menschen und Initiativen mit Mut und Visionen  für individuelle Wege mit ihrer Kunst entschieden haben – und darin für sich und andere Zukunftschancen öffnen.

Weitere Infos: http://www.glasweb.se/hauge/beta2/default.asp?lang=de&content=welcome

http://www.glasriket.se/de/Die-Glashutten/Transjo-Hytta/

Herausragende Exponate in der smaländischen Glaskunstlandschaft sind zweifellos die Werke des bereits erwähnten Bertil Vallien, den wir in der Woche auch persönlich kennen lernen konnten.

Weitere Infos: http://de.wikipedia.org/wiki/Bertil_Vallien

Bertil Vallien, Växjo / Foto: Susanne Brandt

Das eindrucksvolle Kunstmuseum Vida auf Öland widmet ihm eine Dauerausstellung vor herrlicher Meereskulisse. Sein berühmter Glasaltarschrein in der Kirche von Växjö gibt unter dem Titel “Vom Dunkel zum Licht”viele Rätsel auf und spricht in Zeichen, die einem in seinen Werken immer wieder begegnen:

Altarschrein von Bertil Vallien, Kirche in Växjö / Foto: Susanne Brandt

Leitern und Treppen, Schwimmende und Fliegende, Begrenzung und Freiheit, dazu Köpfe in allen Variationen.

Seine Boote stehen für Aufbruch und Reise, Geburt, Leben und Tod. Er ist fasziniert von diesem Symbol, weil man einem Schiff wie einer dünnen Haut vertrauen muss – einer Haut, die das Leben über dem Wasser von der unfassbaren Tiefe trennt.

Ein Buch über seine Werke bringt diese Konfrontation mit Übergängen und Grenzerfahrungen durch den Titel „Transparente Grenzen“  zum Ausdruck – womit ich wieder bei der Symbolsprache der schwedischen Märchen und Literaten wäre. Oder bei der Kraft der Naturelemente, die Menschen immer wieder an ihre Grenzen bringt. Oder eben bei allem zusammen.

Susanne Brandt, im September 2013