Geschützte Räume und offene Landschaften zum Schreiben

Janusz-Korczak-Skulptur in der Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei. Foto: Susanne Brandt

Pädagogisch-literarische Projekte mit Kindern und Jugendlichen und andere Impressionen und Erfahrungen rund um die Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei

Lesen und Schreiben ohne Wettbewerb und Leistungserwartung:  Wichtige Begleiter dabei sind die persönlichen Autorenhefte der schreibenden Kinder und Jugendlichen. Was diese über ihre Wünsche, Gefühle und Fragen notieren, bleibt in einem geschützten Raum. Jedes Lesen durch andere bedarf der Genehmigung durch den Autor oder die Autorin. Das war schon bei den Kindern in Janusz Korczaks Waisenhaus vor 70 Jahren so, und das gilt heute mit Respekt vor den Gefühlen und individuellen Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen nicht weniger. Was die Erwachsenen in diesen Prozess einzubringen haben, ist nicht ein „Mehrwissen“, sondern vor allem Vertrauen  in die emotionale und gedankliche Darstellungskraft der Kinder und Jugendlichen.

Die Orte, an denen geschrieben wird, unterscheiden sich bewusst von der Schule: im Freien, in einem Museum, in einer Bücherei,  in einer Kirche…Überall dort, wo sich die Schreibenden wohl fühlen, können Gedanken zu Papier gebracht werden. Was davon am Ende doch von anderen gelesen werden darf, findet Beachtung und Wertschätzung durch eine Buchveröffentlichung.

Es geht darum, die Welt, sich selbst und andere über das Schreiben, Lesen und Kommunizieren  zu verstehen – vor 70 Jahren im Waisenhaus des Janusz Korczak ebenso wie bei den Kindern und Jugendlichen der Geschwistergruppen heute.

Der Beitrag von Alfred Büngen (Geest-Verlag) über seine Erfahrungen mit solchen Schreib- und Buchprojekten im Sinne von Janusz Korczak ist einer von vielen, die  diese Tage als Dokumentation zur Janusz-Korczak-Fachtagung erschienen sind. Damit sind die im April in der Bremischen Bürgerschaft gehaltenen Vorträge und Begegnungen mit Jung und Alt als vielfältiges Zeugnis einer nun 30 Jahre währenden Entwicklung der Geschwisterarbeit nachlesbar und immer wieder in Beziehung zu sehen zum Denken und Wirken des Janusz Korczak.

Ein wichtiger Raum und Treffpunkt für diese Arbeit ist seit einigen Jahren auch die Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei in Lilienthal, die ich im vergangenen Monat mit Buchgeschenken im Gepäck besuchen und im Gespräch mit Marlies Winkelheide auf eindrucksvolle Weise kennen lernen konnte.

Für mich persönlich rundet sich mit der Unterstützung, die ich durch das  Mitwirken bei der Fachtagung wie durch Gespräche und Buchspenden besonders den Schreib- und Leseaktivitäten der Geschwisterarbeit zukommen lassen konnte, ein nun schon 20 Jahre andauerndes Interesse an der Geschichte und den Geschichten des Janusz Korczak. Angefangen mit ersten musikalischen Lesungen Anfang und Mitte der 1990er Jahre, folgten Seminare, Ausstellungen, Tagungen, Kongresse und Publikationen – begleitet von ungezählten spannenden Begegnungen und Gesprächen –  die bis heute um die Frage kreisen: Was können wir von Janusz Korczaks Haltung den Menschen gegenüber, von seiner Erfahrung, mit Kindern identitätsstiftend und dialogisch zu erzählen, zu lesen und zu schreiben für die Medienerziehung heute lernen?

So ist es jetzt für mich besonders beglückend zu erleben, wie sich diese schon lange gesponnenen Fäden  nun ganz konkret und zeitgemäß mit den Buch- und Schreibprojekten wie mit dem Engagement rund um die Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei verbinden und mit anderen zusammen weiterknüpfen lassen – gern auch die nächsten 20 Jahre lang….

Susanne Brandt