Stadtspaziergänge durch Hamburg – Kirchentags-Impressionen auf Seitenwegen

Kirchentag – für manche ein großes Event, ein Straßenfest der Religionen, Nationen und Generationen, ein fröhliches, mitunter auch frustrierendes Bad in der Menge, eine Tankstelle für geistige und geistliche Impulse….

Vermutlich liegt eine der Stärken dieser Laienbewegung in der Freiheit, Kirchentag immer wieder anders zu begehen – buchstäblich zu begehen bei inspirierenden Spaziergängen durch eine wunderschöne Stadt zum Beispiel!

Im Labyrinth der Themen und Treffpunkte habe ich mir in diesem Jahr drei eher stille (Seiten-)Wege gesucht, auf denen ich die Stadt und das, was sie durch ihre Menschen zu erzählen weiß, besser als bisher kennen gelernt habe…

…auf der Spur von Liedern , ihren „Eltern“ und all jenen, die sie singen (oder auch nicht)
…entlang der Elbe und mit Stationen an so manchen unentdeckten Ecken der Stadt, die was zu erzählen haben
…mit Respekt und Staunen für andere Religionen.

„Sing nicht so schnell dein Glaubenslied“

Geht man mit offenen Ohren durch Hamburg, dann stellt sich mitunter die Frage, warum bei Kirchentagen wie zu kaum einer anderen Gelegenheit so unkompliziert und vielfältig miteinander in der Öffentlichkeit gesungen wird, während der Gesang in den Gemeinden vor Ort oft so verhalten anmutet. Die kirchentägliche Singlust ist offenbar ansteckend, für viele wohltuend, vielleicht auch verführerisch – da sollte schon mal genauer nachgefragt werden, was hier so leicht zum Mitsingen animiert. „Sing nicht so schnell dein Glaubenslied“ dichtete Arnim Juhre bereits vor vielen Jahren…

In Hamburg nannte sich dieses Nachfragen bei einer Veranstaltung z.B. „Elternsprechtag“. Die Dichterinnen und Dichter, Komponistinnen und Komponisten neuer Lieder trafen sich im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung, um kritisch wie anregend miteinander zu hören, zu bedenken und zu besprechen, wie und warum durch Kirchentage neue Lieder entstehen, weiterklingen oder auch wieder verschwinden. Wie spiegeln sich aktuelle Themen in ihren Texten, neue musikalische Strömungen in ihren Melodien, woran lassen sich Traditionslinien oder Brüche erkennen – und wie wird das alles durch die Singenden zum Klingen gebracht oder „verschwiegen“?

Zwischen dem, was im Vorfeld im stillen Kämmerlein oder bei Workshops gedichtet und komponiert, in Sitzungen diskutiert und ausgewählt und schließlich von Menschen gesungen wird, entwickelt sich immer wieder neu ein wechselseitiges, eigentümliches und schwer vorhersehbares Spannungsverhältnis. Gut so – denn genau von dieser Spannung wird das kreative Potential der Liedschaffenden angeregt.
Dabei muss das Nachfragen nicht nur eine Sache für Insider bleiben. Mehr als einmal habe ich erlebt, wie Menschen, die sonst nichts mit dem Kirchentag am Hut haben, gerade durch die Musik auf den Straßen hellhörig wurden, kritisch bis neugierig wissen wollten, wie es sein kann, dass plötzlich so vielfältige Töne in der Stadt lebendig sind, wo Kirche sonst oft mit Eintönigkeit in Verbindung gebracht wird.

Moses Pipenbrink auf dem Fischmarkt

Mit Musik im Ohr und im Gepäck geht’s zu Fuß weiter Richtung Elbe: Hier hat der „Elbekirchentag“ in drei Containern auf dem Fischmarkt Station gemacht und lädt vor der imposanten Hafenkulisse zu einer musikalisch-literarischen Reise entlang der Elbe ein. http://www.elbekirchentag.de/Programm
Diese folgt im ersten Teil den Beschreibungen aus dem Buch „Mein Herz ist eine Quelle“ http://www.landeskirche-hannovers.de/evlka-de/presse-und-medien/frontnews/2012/10/21, geht im zweiten Teil für eine Weile in Hamburg vor Anker um sich dann schließlich in Cuxhaven dem Meer zu öffnen.
In vorgetragenen und mitgesungenen Liedern sind es hier vor allem die Dichter und Musiker entlang der Elbe, die vorgestellt werden: Sabine Simons „Abendkleid“ bereichert die alte Tradition der Abendlieder mit neuen unverbrauchten Bildern und der Hamburger Komponist Norbert Hoppermann hat mit der Vertonung von „Erlass dem Jahr die Not“ (Text: Sybille Fritsch) eine Farbe in das Kirchentagsliederbuch gebracht, die sich nicht einschmeichelt, dadurch aber um so intensiver nachklingt.

Zum Ankerplatz Hamburg gehört außerdem die Geschichte “Moses Pipenbrinks Abenteuer” von C.Z. Klötzel, die einen Teil des Programms ausmacht und die Brücke schlägt nach Cuxhaven. http://www.wilhelm-heidsiek-verlag.de/lt_auswanderung.html

Eine Empfehlung zum (Wieder-)entdecken einer Kinderbuch-Rarität mit einer bemerkenswerten Geschichte!

Stolpersteine und Code of Ethics

Moses Pipenbrink sensibilisiert noch für eine andere Blickrichtung, hin zu den Spuren verschiedener Religionen, die hier in der Stadt – und ganz besonders auf dem Kirchentag – allgegenwärtig sind. Eine geführte Wanderung zum jüdischen Leben im Grindelviertel früher und heute gibt viele Hinweise auf Namen und Ereignisse, denen man weiter nachgehen möchte – weit über den Kirchentag hinaus… http://www.stolpersteine-hamburg.de/

Wie sehr das Zusammenleben der Religionen in der Gesellschaft heute den offenen Dialog braucht, weiß der Soziologe Peter L. Berger eindrucksvoll und pointiert darzulegen.
7.-Lektüretipp-7-Peter-L.-Berger-Dialog-zwischen-religiösen-Traditionen

Sein Impulsvortrag bietet einen stimmigen Auftakt zum interreligiösen Podiumsgespräch, in dem vor allem Lisa Rodova mit der Präsentation des Juga-Projekts www.juga-projekt.de mit dem hier erarbeiteten Code of Ethics überzeugt. Die Mitwirkenden erläutern das so:

Der Code of Ethics ist ein von den JUGA-Teilnehmer/innen erarbeiteter ethischer Konsens, der aus unserer Sicht für das Zusammenleben der verschiedenen Religionen und Weltanschauungen gelten sollte. Dieser Basiskatalog soll von allen Religionsvertretern und Organisationen, denen die Jugendlichen angehören, mitunterzeichnet und in den jeweiligen Gemeinden beworben werden. Inhaltlich wird dieser Katalog weniger eine Sammlung abstrakter Losungen und Appelle sein, sondern vielmehr ein lebendiger Ausdruck der gemeinsamen Wünsche und Hoffnungen für ein Zusammenleben. Der Code of Ethics wird in einer breitangelegten öffentlichkeitswirksamen Kampagne “EINS DURCH 7. DU ZÄHLST MIT” veröffentlicht. Zum Hintergrund: Junge Muslime, Christen, Juden und Bahai mit unterschiedlichem ethischen Hintergrund, mehrheitlich deutscher Staatsbürgerschaft, zeigen, dass sie trotz aller Unterschiede und Differenzen, die es gibt, EINS sind, dass es zusammengeht, und dass sieben Codes ihnen dabei helfen, Andersartigkeit anzuerkennen und friedlich zusammenzuleben.
Durch diese Kampagne sollen junge Menschen in Berlin angeregt werden, sich mit diesem Code of Ethics auseinanderzusetzen und so über das Zusammenleben der verschiedenen Religionen und
Weltanschauungen zu reflektieren, Probleme zu erörtern und Lösungsansätze und Visionen für eine gemeinsame Zukunft zu entwickeln. Vielfalt muss in Deutschland als Mehrwert anerkannt werden. Hier ist jeder einzelne gefragt und aufgefordert, über seine Grundeinstellungen kritisch nachzudenken.

Präambel
In Verantwortung zu Gott und zu der Gesellschaft
wollen wir was bewegen und bleiben in der Sache standhaft
Durch Offenheit und gegenseitiges Vertrauen
wollen wir gemeinsam eine friedliche Zukunft bauen
Durch Gerechtigkeit, wir wollen zu allen gleich sein, zu allen gerecht
unabhängig von Religion, Herkunft und Geschlecht.
Durch Empathie und das Achten der Gefühle
oder brüderlicher Wärme und nicht anonymer Kühle.
Durch Respekt, denn jeder hat das Recht auf Freiheit
und jeder lebt das Freisein anders aus und das ist die Wahrheit.
Durch Vergeben, denn jedem können Fehler widerfahren
will man nicht auch, wenn man Fehler macht, Vergebung erfahren?
Durch Wissen, denn klar sollte sein, jeder hat ein Talent
und sucht man in der Person nach dem Guten, ist dies das erste was man erkennt.

Zwischen den Zeilen zu suchen

Soviel du brauchst – so das Motto des Kirchentages 2013 – heißt auch, das persönliche Tagesprogramm so zu bemessen, wie es in der kurzen Zeit der vier Tage – vor allem aber darüber hinaus –  sinnvoll zu erleben und weiter zu bedenken ist: im Dialog miteinander, auf der Suche nach Worten und Tönen, die „stimmen“ und im achtsamen Blick auf Menschen, Orte und Landschaften.

Stadtspaziergänge vermitteln ein Gefühl für das jeweils passende Tempo, schaffen Luft und Weitblick zwischen den dicht gedrängten Veranstaltungen und überraschen immer wieder mit ungeplanten Begegnungen und Gesprächen, die sich eher am Rande ergeben. Dafür wirklich genug Zeit zu haben und alle Sinne zu öffnen, ist (nicht nur) im Getümmel von Kirchentagen eine hilfreiche Übung – und im prall gefüllten Programmheft eher zwischen den Zeilen zu suchen.

Susanne Brandt