Weite und Meer – und weit mehr als Bücher und Bäume…

Finnland-Impressionen rund um den IFLA-Weltkongress 2012

Ich habe gehört, dass das Gesicht von Helsinki sehr stark vom Wetter abhängen soll. Grau ist es grässlich – warm und sonnig aber ist es wunderschön. Bestätigen kann ich nur den zweiten Teil der Behauptung – und das aus vollem Herzen! Fünf Tage IFLA-Weltkongress in Helsinki bei bestem Sommerwetter bedeutet fünf Tage Farben, Inspiration, Musik, Kultur und Austausch vom Feinsten. Und wer das muntere Miteinander  der rund 5000 Bibliothekarinnen und Bibliothekaren aus aller Welt dann doch mal „zum Durchatmen“  hinter sich lassen möchte, entschwindet einfach für eine Weile  per Schiff oder über eine Brücke auf eine der rund  300 Schäreninseln, die wie Sommersprossen im Meer ebenso  zum Gesicht der maritimen Metropole gehören. Dort wiederum zeigt sich Finnland wie im Bilderbuch: mit Wald, Felsen, roten Holzhäusern, zutraulichen Eichhörnchen  und erstaunlich still – wenn nicht gerade irgendwo ein Handy klingelt…

Ruhe im Trubel bietet auf ihre Weise auch die Kamppi-Kapelle, die sich – offen für alle Menschen mit dem Bedürfnis nach Stille und Besinnung – wie eine große bergende Nussschale auf dem Vorplatz eines großen Einkaufszentrums öffnet und ohne sakrale Zeremonien und Worte einfach „nur“ einen bergenden Raum bietet, der durch die Schlichtheit der besonderen Holzkonstruktion und den Verzicht auf Bilder, Texte und Musik den Gedanken alle Freiheiten zum Wandern lässt – ganz anders und für meinen Geschmack viel überzeugender als die touristisch stets belagerte Felsenkirche.

Sinn für Stille und Natur im Freien wie in Architektur und Design, die Liebe zu den alten Mythen wie zu den neuen Kommunikationstechniken sind hier keine Gegensätze – im Alltag nicht und somit auch nicht in den zahlreichen Büchereien des Landes. Denn in denen ist sowieso vieles ganz unkompliziert nebeneinander und miteinander möglich – so bunt gemixt und manchmal auch „handmade“ wie die Patchwork-Häkeleien, die vielerorts Bäume und Büchereien verzieren. Aber dazu später mehr…

 

Inspiration und Imagination

„Inspiration“ und „Imagination“ sind die wohl häufigsten Begriffe, die mir beim IFLA Weltkongress in Helsinki  in Verbindung mit Public Libraries begegnet sind. Finnische Bibliotheken beschreiben damit gern ihr Angebot, zeigen dazu Bilder von musizierenden und diskutierenden Menschen in gemütlichen lichtdurchfluteten Räumen, von Menschen an PC’s – und natürlich auch von Menschen mit Büchern. Eine Reise in dieses weitläufige und großzügige Land ist auch eine Reise durch weitläufige und großzügige Bibliotheken mit viel Platz für Menschen, die sich hier durch Medien, vor allem aber durch und mit Menschen inspirieren lassen. Die meisten Bibliotheken haben rund 12 Stunden am Tag durchgehend geöffnet. Da bleibt noch Zeit, um dort nach der Arbeit den Feierabend zu verbringen, Menschen zu treffen, in Büchern zu stöbern, vielleicht die Lieblings-LP im Technik-Studio zu digitalisieren (gern betreut von einem der stets dafür ansprechbaren „Technik-Berater“), bei Kaffee und Kuchen in einer der gemütlichen Sitzecken einfach zu klönen oder im „Handarbeits-Club“ gemeinsam an einem Patchwork-Schlauch zu werkeln, mit dem dann irgendwann einer der vielen hundert Stühle in der Bibliothek schrill und wollig „eingekleidet“ wird oder ein trister Bücherwagen etwas Farbe verpasst bekommt. Aktive Mitgestaltung durch die Nutzer  – auch das gehört zum Selbstverständnis finnischer Bibliotheken, virtuell oder ganz real:

„Gefällt mir“ und „Teilen“ ist nicht nur via facebook eine längst geläufige Form der Meinungsäußerung und Kommunikation mit und zwischen Bibliotheksnutzern. Einladende Räume und reichlich vorhandene Mitarbeitende regen dazu an, unkompliziert und direkt von Mensch zu Mensch Interessen und Wissen auszutauschen und zu teilen, gemeinsam zu spielen, zu tanzen oder das „Best of“-Regal vorn im Nahbereich von Nutzern für Nutzer mit Empfehlungen immer wieder neu  zu bestückt. Offenbar empfinden viele die für alle offene Bibliothek als „ihre“ Bibliothek, bei der jeder auf die eine oder andere Art ein bisschen „mitmachen“ kann.  Dass solche Einrichtungen gern auf Mediensicherungsanlagen am Eingang verzichten dürfen, versteht sich fast von selbst. Wer will sich schon selbst beklauen?

Natürlich macht der Mitgestaltungs-Gedanke nicht Halt vor web 2.0 Ideen speziell für Bibliotheken: Warum nicht Leserinnen und Leser mit Kommentarmöglichkeiten und Empfehlungen an der Katalogerschließung von Romanen beteiligen? Und für das „Teilen“ von Print-Medien unter Freunden kann eine Smartphone-App für die schnelle Ausleihe unterwegs den Weg zur Bücherei ersetzen – was keineswegs bedeutet, dass deshalb weniger Menschen in die Bücherei kommen! Für einen Büchereibesuch gibt es hier viele andere Gründe als „nur“ die Buchausleihe…

Natur und Nachbarschaft als Sprachraum

Dazu passt die Erfahrung, dass eine Bibliotheksführung in Finnland nicht unbedingt am Ausgang  endet, sondern das Lebensumfeld als Teil der Arbeit einbezieht: Kaum weniger wichtig als die Präsentation des Medienangebotes scheinen ein Spaziergang durch den Stadtteil und die Besichtigung eines „geduldeten“ Gemeinschaftsgartens auf einem unbebautem Grundstück in der Nachbarschaft zu sein, wo Menschen „einfach so“  Blumen und Gemüse anpflanzen. Ja, die Finnen haben offenbar eine besondere Neigung, den öffentlichen Raum im weitesten Sinne gemeinschaftlich zu  gestalten und ein Stück Verantwortung dafür zu übernehmen. Und die üppige Natur in sinnlich spürbarer Nähe redet für sich und in ihrer eigenen Sprache wohl auch ein Wörtchen dabei mit. Gut, wenn Bibliotheken diesen Sprachraum zu nutzen wissen und sich für ihr Umfeld bewusst öffnen.

Zugegeben – vielleicht klingt das alles jetzt ein bisschen zu sehr nach „bibliothekarischem Paradies“ und die zweifellos auch hier vorhandenen Schwachstellen und Probleme treten bei einem Kongress, der von den Gastgebern gern genutzt werden darf, um sich von der besten Seite zu zeigen, leicht in den Hintergrund. Aber mehr als deutlich wird diese Tage auch im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Nationen: Öffentliche Büchereien machen sich in aller Welt mehr über Menschen als über Medien Gedanken. Die Frage „Was brauchen/wollen/suchen die Menschen, für die wir da sind?“  scheint Büchereien weltweit zu verbinden, steht in den einfachen Bücherhütten der afrikanischen Slums ebenso im Mittelpunkt wie in den Großstadtbibliotheken der USA – auch wenn die Antworten hier wie dort vielleicht unterschiedlich ausfallen. Die Frage „Was hat die Bibliothek von diesem oder jenem Angebot?“ habe ich hier die ganzen fünf Tage nicht gehört, wohl aber zuvor  in Deutschland – und das nicht nur einmal!

„Was hat die Bibliothek davon?“

„Was hat die Bibliothek davon?“ wurde ich in den letzten Jahren häufiger gefragt, wenn ich mir über Angebote für Menschen mit Demenz Gedanken machte. „Was hat die Bibliothek davon?“ wurde ich gefragt, wenn ich mit Kindern in den Wald ging, um Geschichten draußen in der Natur zu erzählen. Oder wenn ich ganz “altmodisch” Geschichten mit Kamishibai erzähle, während sich die Bücherei gerade mal wieder auf die Fahne geschrieben hat, Medienerziehung via PC zu betreiben.  Und die gleiche Frage begegnet mir auch, wenn es darum geht, freie Online-Dokumente in den Katalog einzubinden, die sich nicht als Ausleihe zählen lassen, der Bibliothek also nicht unmittelbar Punkte bringen, wenn die Nutzer auf dieses zusätzlich erschlossene Wissen zugreifen.

Alles das geschieht auch anderswo – aber oft aus einem anderen Selbstverständnis heraus: In Kroatien engagiert man sich bewusst für soziale Projekte, die den Dialog der Generationen fördern. In Dänemark werden Geschichten getanzt und in der Natur erfahrbar, auch wenn die Kinder dabei für ein paar Stunden nicht in die Bibliothek, sondern eher aus der Bibliothek heraus gelockt werden. Und die kombinierte Nutzung  von  Print- und Online-Quellen ist anderswo längst selbstverständliche und kaum mehr diskutierte Praxis.  Unstrittig scheint, dass alle Medienformen öffentlich zugänglich sein sollen, um Menschen die Möglichkeit zu geben, Informationen und Medien ganz nach ihren Bedürfnissen zu wählen und zu nutzen. Was ihnen davon tatsächlich hilft – das weiß und entscheidet jeder Nutzer für sich und seine Interessen selbst am allerbesten.

Lebenskünstler statt Leseförderer?

Nach meinem Eindruck verstehen sich die Bibliothekare anderer Länder den Nutzern gegenüber nicht  so ausgeprägt und gezielt als „Leseförderer“ oder gar „Pädagogen“, die Kindern oder Erwachsenen etwas beizubringen haben – eher schon mal als (Lebens-)künstler oder Sozialarbeiter.  Bibliothekare mit künstlerischem, schauspielerischem, erzählerischem oder musikalischem Talent oder Zusatzqualifikation sind weltweit nicht selten und oft die Initiatoren für neue Ideen. Soziales Engagement ist ein unverzichtbarer Bestandteil ihrer Arbeit. Nicht ohne Grund zählen z.B. in Finnland  Bibliotheken als „soziale Einrichtung“  zu beliebten und anerkannten Arbeitsfeldern für Zivildienstleistende.  Zum eingangs erwähnten Schlüsselwort „Imagination“ gehört eben mehr als das klassische Vorleseprogramm. Dass Geschichten oft erst im lebendigen Dialog und „in Bewegung“ mit allen Sinnen erfahrbar werden und so die Vorstellungskraft anregen, setzt sich in der Programmarbeit deutscher Bibliotheken nur langsam durch – in Afrika, Finnland oder Dänemark ist davon schon lange etwas zu spüren. Während man also in Deutschland mit solchen Ansätzen der kreativen und interdisziplinär  vernetzten Programmarbeit vielerorts noch Neuland betritt und sich nicht selten dafür rechtfertigen muss,  findet man in einer weltweiten Gemeinschaft bei diesem Thema wohlwollende Bestätigung durch Kolleginnen und Kollegen, die damit längst gute Erfahrungen gesammelt haben – und von denen deutsche Kolleginnen und Kollegen vor allem erst mal lernen können, wenn sie sich mit Beiträgen dazu am internationalen Austausch beteiligen!

Vielleicht – so meine Vermutung  – hat uns die „Marketing-Welle“, mit der in den vergangenen Jahren  ein ausgeprägtes Kosten-Nutzen-Denken in deutschen Bibliotheken Einzug gehalten hat (mit hilfreichen wie zweifelhaften Konsequenzen), die spielerische Freude an Interaktion, Phantasie und Experimenten zu sehr ausgebremst und die Aufmerksamkeit mehr auf die Stärkung der Institution Bibliothek gelenkt als auf die Stärkung und Ermutigung von Menschen. Bei Leistungsbemessungen und Rankings (auch wenn es hier durchaus sinnvolle Ansätze geben kann) und unter dem Druck von Haushaltskürzungen für die Bibliothek als Institution, muss diese sich offenbar viel um sich selbst kümmern und gut für sich werben, um „mithalten“ zu können. Da haben es soziale und kulturelle Aktivitäten oft schwer, wenn diese quantitativ kaum angemessen zu bewerten sind und nicht mit kurzfristigen „Erfolgen“ dem Ansehen der Bibliothek dienen.

Das sieht in vielen Ländern offenbar anders aus, weil das Verständnis von der Rolle der Nutzer als Mitwirkende dort ein ganz anderes ist. Das aber wird einem erst so richtig bewusst, wenn man sich wirklich mal außerhalb der eigenen Institutionen, Verbände und Grenzen umhört und umschaut. Ganz gewiss ist anderswo nicht alles besser – aber besser dazu lernen lässt sich anderswo auf jeden Fall!

Susanne Brandt, August 2012