Sinnliches Erleben und Demenz

Der Geruch von Holz, das Geräusch von raschelnden Blättern, das Gefühl der Fingerspitzen an der rauen Rinde eines Baumes – Sinneswahrnehmungen gehören in besonderer Weise zum tiefsten Schatz an Erfahrungen, der Menschen von den ersten bis zu den letzten Tagen des Lebens bereichern und beglücken kann. Vielfältig sind die Möglichkeiten, hierfür im Alltag Räume und Möglichkeiten zu öffnen.

Weiteres Material und Links zum Thema Demenz:
Seminarskript zu Demenz als Thema für Büchereien in SH April 2012
 
 
 

Ein Beitrag zur Bedeutung von Pflanzen im Leben mit Demenz von Bianka Plumpe (Dipl. – Ing. Landschaftsplanung):

Das allerwichtigste, was einen Garten ausmacht sind die Pflanzen. Sie sind
weit mehr, als ein lebender Baustoff oder Dekorationselement. Sie wirken
auf unterschiedlichste Weise auf den Menschen. Sie wecken durch ihren
Duft unmittelbar Erinnerungen. Blütenfarben,-formen, Blattstrukturen und
Texturen bieten ein Wechselspiel der Sinne.
Pflanzen verändern sich im Laufe der Jahreszeiten, sterben scheinbar im
Winter und beginnen ihren Lebenszyklus im Frühjahr wieder neu. […]

Gerade in der heutigen hochtechnisierten, lauten und schnelllebigen
Umwelt, kommt diesen Naturerfahrungen eine große Bedeutung zu.
Während der Sehsinn und der Hörsinn ständig überfordert werden, werden
der Geruchs- und Geschmacksinn und der Tastsinn nicht mehr
ausreichend stimuliert. Der Mensch gerät durch gleichzeitige Über- und
Unterforderung psychisch und physisch aus dem Gleichgewicht und
erkrankt. So ist es nicht verwunderlich, wenn inzwischen auch von so
genannten „Wellnesspflanzen“ gesprochen wird und man sich wieder mit
Kräutern beschäftigt.

Funktion der Sinne und Wahrnehmung
Durch die Sinne nimmt der Mensch seine Umwelt wahr; sie sind das
Bindeglied zwischen ihm und seiner Umwelt. Der Mensch muss für das
ganze Spektrum der sinnlichen Wahrnehmung offen sein. Wenn wir die
Fähigkeit der Wahrnehmung zu wenig nutzen, verkümmern unsere Sinne
wie ein Muskel. Zum einen sind unsere Sinne sensibler, als wir denken,
zum anderen leichter zu beeinflussen, als wir uns vorstellen und weniger
objektiv, als wir hoffen.
Für uns ist die Fähigkeit „wahrzunehmen“ selbstverständlich. Aber wie
wäre ein Leben ohne die drei Sinnessysteme Sehen, Hören und Tasten
und zusätzlich ohne Geschmacks- und Geruchssinn? Die meisten
Menschen, denen ein Sinnesgebiet fehlt, lernen mit dieser Einschränkung
zu leben, aber ganz ohne die Sinne würde die Vorstellung von anderen
Menschen und der Umwelt fehlen bzw. völlig fremd und bedeutungslos
erscheinen.
Besonders für demenziell erkrankte Menschen, können Pflanzendüfte von
Bedeutung sein.
Das Riechsystem im Gehirn ist mit dem limbischen System, das für die
emotionalen Empfindungen, Kreativität und Gedächtnisfunktionen
zuständig ist, verknüpft.
Aus diesem Zusammenhang wird die enge Verbindung zwischen Düften
und Emotionen verständlich. Nichts prägt sich mehr in ein Gedächtnis ein,
als ein Duft. Wo manchmal nur vage visuelle kindliche Erinnerungen
vorliegen, kann ein früherer, vertrauter Duft alle Erinnerungen in der
Gesamtheit und mit allen Aspekten wiedergeben. Mit diesem Phänomen
arbeitet ein Teil der Gartentherapie, bei dem versucht wird, das
autobiographische Gedächtnis zu trainieren.
Auch der Tastsinn wird über die Berührung von Pflanzen angeregt. Die
Natur bietet eine große Auswahl an unterschiedlichen
Oberflächenstrukturen. Das Berühren der Pflanzen ist für viele Menschen
eine tröstende Wohltat, ähnlich als würden sie ein Haustier streicheln.
Eine Ärztin aus Schweden entdeckte, dass u.a. beim Streicheln, bei
leichten Berührungen und bei Wärme, das Wohlfühlhormon Oxytocin
freigesetzt wird.
Pflanzen mit ihren abwechslungsreichen Blatt- und Blütenstrukturen von
filzig, wollig, weich behaart bis glatt, lederartig, spitz und dornig, bieten
eine Vielfalt der taktilen Wahrnehmungsförderung in der Natur. Aber auch
die Rindenstrukturen und die unterschiedlichen Früchte, wie Zapfen,
Kastanien oder Haselnüsse, bieten unterschiedliche Tasteindrücke.
Gewisse Pflanzen vermitteln bei der rein visuellen Betrachtung ein
verklärtes Bild. Viele Pflanzen müssen erst berührt werden, um die wahre
Eigenschaft der Pflanze richtig zu erfahren. Einige Pflanzen geben ihr sinnliches Geheimnis erst bei der Berührung der
Blätter frei.