Waldworte des Tages: Heinrich Seidel und “Das Buch aus der Leihbibliothek”

Eigentlich sollte hier ja der Dichter Heinrich Seidel (1842-1906) mit seinen Waldgedichten und -geschichten vorgestellt werden. Aber bei der Auswahl kam ich nicht vorbei an “Das Buch aus der Leihbibliothek” – zumal es sich bei einem der Seidel-Waldmärchenbücher in meinem Bücherregal – “Prinzessin Zitrinchen” – um ein ebenso fleckiges altes Leihbücherei-Exemplar handelt. Wer dazu nun auch die Waldgedichte und -geschichten  von Seidel nachlesen möchte, findet diese – garantiert fleck- und geruchsfrei! – nahezu komplett und leicht recherchierbar über das projekt.gutenberg.de oder auch als eine von mehreren Buch-Neuausgaben z.B. unter dem Titel “Was im Zwergenwald geschah” (ISBN 978-3-938500-04-0)
 
Bleibt am Ende des Gedichtes die Frage, wovon denn wohl die Autorinnen und Autoren  zukünftig träumen werden, wenn ihre “Dichterein” vielleicht irgendwann nur noch als E-Books daher kommen?
 

Das Buch aus der Leihbibliothek

Das ich hier in Händen halte,
Dies zermürbte Buch, dies alte,
Blei- und Tintenargbeschmierte,
Eselsohrenreichgezierte,
Kaffee-, Thee- und Bierbefleckte,
Fliegen-, Fett- und Oelbekleckte,
Dem als Spur der Wanderschaften
Tausend schlechte Düfte haften,
Dieses Buch, zerlumpt, entstellt:
Dieses liest die deutsche Welt!
Liest die Köchin bei den’ Braten,
Auf der Wache die Soldaten,
Liest der Sträfling in der Zelle,
Der Commis bei seiner Elle,
Liest der Hagestolz im Bett,
Und das ganze Lazareth;
Dann, die schönste aller Damen
Mit dem glanzerfüllten Namen
Nimmt dies Buch so wohl durchdüftet
Und von jeder Luft durchlüftet
In die zarte weisse Hand!
Von des Dichters Kunst gebannt,
Bald der Schönen, zart besaitet,
Eine Thräne sanft entgleitet
Und erfüllt den grossen Zweck:
Nie ein Leser ohne Fleck!
O Gedanke, gross und mächtig!
O Erfolg, so wunderprächtig!
Wie gesegnet der Poet,
Der die edle Kunst versteht!
Hoch und niedrig, arm und reich:
Diese Schmiere macht es gleich!
Ach, wer noch im Dunkel lebt,
Nach dem hohen Lorbeer strebt;
Dieser fühlt mit heissem Sehnen
Einen Wunsch den Busen dehnen:
»Lieber Himmel« fleht er täglich,
»Schenk auch mir das Glück unsäglich:
Laß auch meine Dichterein
Einst so herrlich fettig sein!«

Heinrich Seidel