Buch-Tipp: Vom Wandern. Neue Wege zu einer alten Kunst

Mit seinem Buch „Vom Wandern“ bereichert der Journalist Ulrich Grober die wachsende Titelfülle zum Trendthema „Wandern“ um ein Mischung aus hochinteressanten Essays, persönlichen Wandererfahrungen, praktischen wie vor allem literarischen Hinweisen (Zum Weiterwandern, Weiterlesen, Weiterdenken…). Weder Pilgerbuch noch Fitness-Ratgeber, weder Tourenführer noch Selbsterfahrungstagebuch – vielleicht von all dem hier und da ein Anklang, aber so klug und kenntnisreich in den Zusammenhang des jeweiligen Kapitels eingearbeitet, dass das Buch insgesamt ein selten vielfältiges Spektrum an verschiedenen – vor allem historischen, philosphischen, psychologischen, kulturellen, geographischen, ökologischen und soziologischen – Gedanken anstößt und mit zahlreichen Bezügen zur Literatur verbindet.

Hier werden weniger die rein touristisch, sportlich oder spirituell motivierten Wandermenschen angesprochen, sondern vielmehr all jene, die genauer wissen möchten, wie (Fort-)bewegung mit unserer Lebensgestaltung zusammenhängt, und zwar aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Grober beschränkt sich dabei nicht auf seine subjektiven Erfahrungen, schlägt keinen „missionarischen“ Ton an, sondern verweist auf zahlreiche MitdenkerInnen und -schreiberInnen  wie Hermann Hesse, Martin Heidegger, Rachel Carson oder Walter Benjamin. Ausführliche Überlegungen zur Ökologie und Landschaftsplanung, Entschleunigung und Mobilität, auch im Kontext verschiedener Zeiten und Kulturkreise,  gehören ebenso dazu wie feinsinnige Erfahrungsberichte aus verschiedenen Regionen Deutschlands. Auch der urbane Raum für Fußgänger wird nicht ausgespart. Das macht die Lektüre ausgesprochen „alltagstauglich“ und inspirierend für jede Wegstrecke, die zu Fuß zurückgelegt wird – und lädt dazu ein, mehr als einmal darin zu blättern, um immer wieder andere Aspekte in Erinnerung zu rufen und dank der zahlreichen weiterführenden Literaturhinweise (die in ihrer Gesamtheit eine eindrucksvolle Bibliographie des Wanderns ergeben!) zu vertiefen.

Eine kleine Leseprobe: „Beim Gehen in der freier Landschaft verflechten sich objektive und subjektive Realität auf eine ungewohnte Art. Die „Pforten der Wahrnehmung“ öffnen sich für die Gesamtheit der Erscheinungen. Man betritt eine Region, die höher ist als der Alltag. Dort angekommen, hat man die Freiheit zu pendeln: zwischen Phasen weitgehender Konzentration auf den Fluss des inneren Erlebens, Phasen großer Durchlässigkeit für alle Reize, Empfindungen und Ereignisse, die von außen einströmen, und Phasen völliger Geistesgegenwart, in denen sich alle Aufmerksamkeit auf den nächsten Schritt, die eine Handlung, die Einzelheit fokussiert. Jeder Wanderer kennt solche Momente: Verlangsamung des Zeitflusses, beinahe körperlose Leichtigkeit, das Gefühl von Entrückung, von „flow“.“ aus: Grober: Vom Wandern, S.321-322