Waldworte des Tages: Johanniswürmchen

Buchillustration von Jiri Trnka

Geschichten vom Leuchten und Lieben

Leuchtkäferchen, Glühwürmchen oder Johanniswürmchen – es gibt verschiedene Namen für diese eher selten zu entdeckenden Tiere. Aber heute ist Johanni – und das ist ihre Zeit!

Mit ihren leuchtenden “Laternen” sind sie am Johannistag besonders häufig beim Paarungsflug zu beobachten. Für solche und andere Phänomene im Leben der danach benannten “Würmchen” interessieren sich nicht nur Naturwissenschaftler – auch Poeten wissen Geschichten rund um das Leuchten und Lieben der kleinen Tiere zu erzählen! So ist das Leuchtkäfer-Märchen des tschechischen Dichters Jan Karafiat (1846-1929) bis heute in vielen Ländern populär. Und mit ihm ist wiederum eine Geschichte zwischen Trauer und Trost verbunden:

Anfang der 1940er Jahre probten Kinder im Lager Theresienstadt (heute Terezin) die Geschichte vom Licht, das Gefahren und Bedrohungen übersteht, als musikalisches Spiel –  ein Hoffnungsschimmer in dunkler Zeit?

Und in Versen nachgedichtet, klingt das Märchen heute so:

Leuchtkäferchen

Ein Funkeln in der dunklen Nacht –
mit Leuchtkäfer-Laterne
kehrt jemand aus dem Wald zurück
und sorgt im Haus für Wärme.
Der Zwerg spielt schon sein Winterlied,
die Kinder haben Träume:
Im Frühjahr nach dem Großen Schlaf
sind sie das Licht der Bäume.

Der Schlaf vergeht, der Frühling kommt,
und Mio, der ganz Kleine
darf endlich zur Johanninacht
hinaus – doch nicht alleine.
Zum ersten Mal trägt er ein Licht,
noch zittert er beim Schweben,
wenn sich die Käfer leicht und hell
zum großen Flug erheben.

Bald fliegt er heimlich wieder raus,
mag auch der Sturmwind toben,
hält sich an der Laterne fest
und – hui – schon ist er oben.
Marienkäfer grüßen ihn,
doch manches Ungeheuer
versperrt den Weg und in der Angst
erlischt sein helles Feuer.

Schwarz ist die Nacht, der Mut verweht
im rauhen Windgebrause.
Er stürzt – doch Freunde finden ihn
und tragen ihn nach Hause.
Der Herbst will gut zu Mio sein,
schenkt Heilkraut und Früchte.
Und jemand bastelt unbemerkt
an dem erloschnen Lichte.

Noch vor der Großen Schlafenszeit
ist Mio wieder munter.
Mit der Laterne, frisch geputzt,
strahlt er vom Baum herunter.
Was glitzert da im Ginsterbusch?
Ein Mädchen zaubert Flammen.
Ein sonderbares Funkenspiel
erfinden sie zusammen.

Und wie verwandelt schlafen sie
bis zart und noch ganz leise
der Frühling in den Bäumen summt
zur Glockenblumenweise.
Die Glocke spielt ein Liebeslied,
sie kann nichts andres machen.
Das Mädchen in dem Ginsterbusch
und Mio – na, die lachen!

Susanne Brandt
(nach dem tschechischen Märchen “Broucci” von Jan Karafiat, kath. Priester 1846-1929)
 
Übrigens:
Im Herbst 2019 erscheint im Kontakte-Musikverlag ein Märchen-Lieder-Buch mit einer wunderbaren Vertonung von Reinhard Horn zu diesem Text.
 

Wissenswertes über Johanniswürmchen

Meistens sind sie als kleine herumschwirrende Lichtpunkte in der Nähe von Büschen zu sehen. Sie nähern sich dem Spaziergänger bis auf einige Zentimeter, fliegen  tänzelnd vorbei oder setzen sich. Plötzlich geht das Licht aus, um dann unvermittelt wieder aufzuleuchten. Manchmal blinkt am Boden ein kleines Licht und wenig später nähert sich ein zweites im Flug.Die Rede ist vom Käfer Lamprohiza spendidula L., den Kleinen Gemeinen Leuchtkäfer, bekannter unter der Bezeichnung “Glühwürmchen”. Am 24. Juni, dem Johannistag, sind besonders viele Tiere in ihrem Paarungsflug zu sehen. Leuchtkäferlarven schlüpfen mit Ablauf des Monats August.Das etwa 2cm große erwachsene Weibchen des Kleinen Gemeinen Glühwurms ist flugunfähig und signalisiert potenziellen männlichen Partnern mit Hilfe des Leuchtorgans, der Laterne, ihre Paarungsbereitschaft. Das Männchen, mit ca. 1cm Körperlänge, ist ebenfalls mit diesem Leuchtsystem ausgestattet. Die Steuerung der Lichtaussendung erfolgt über die Atmung, sodass der Aufleuchtprozess variiert werden kann. Diese Fähigkeit zu gezieltem Einsatz ist damit zum einen ein Schutz vor Fressfeinden und zum anderen ein Signalgeber für die arttypische Vermehrung.