Pfingsten: “…und erkennt Bruder und Schwester und singt”

 

Die Engel unsrer Mütter sind auf die Straße gestiegen.
Das Raufherz der Väter stiller schlägt.
Feurige Zungen fliegen
oder sind wie Kränze auf Stirnen gelegt.

Gehör und Gesicht kennen keine Grenze,
wir sprechen mit Mensch und Tier.
Was unser Blick trifft, antwortet: “Wir”.
Die Kiesel am Weg sind schallende Lieder,
jeder Pulsschlag kommt von weither wieder,
Blühendes strebt, von kleinen Flammen beschwingt.

Die Fische schaukeln den Himmel auf ihren Flossen
und sind von blitzenden Horizonten umringt,
Sonne tanzt auf dem Rücken der Hunde.
Jedes ist nach Gottes Gesicht in Licht gegossen
und weiß es in dieser einzigen Stunde
und erkennt Bruder und Schwester und singt.

René Schickele (1883-1940)

Zum Autor: “Elsässischer Jude”, “Pazifist und Vaterlandverräter”: Das sind die Schimpfworte, mit denen Rene Schickele 1931 von den Nazis attackiert wird. Er flüchtet 1935 in die Schweiz, weil er als Redakteur und Herausgeber der pazifistischen Weißen Blätter zunehmenden Pressionen wie Hausdurchsuchungen ausgesetzt war. Im November 1935 werden sämtliche beim S. Fischer Verlag und beim Rowohlt Verlag erschienenen Bücher Schickeles von der Polizei beschlagnahmt. Die vier Blauen Hefte, die Tagebücher Rene Schickeles aus den Jahren 1932/33, nehmen nicht nur für die Deutung des Spätwerks eine Schlüsselposition ein, sie stellen zugleich ein zeitgeschichtliches Zeugnis ersten Ranges dar. Als kritischer Beobachter und -zugleich in höchstem Grade selbst Betroffener dokumentiert und kommentiert Schickele die Vorgänge in Deutschland, die zur Machtübernahme Hitlers führten. (aus dem Klappentext der “Blauen Hefte” von Rene Schickele)