Zum “Welttag der Poesie”: die drei preisgekrönten Texte des Wettbewerbs

1. Preis für den Text “Warst du dabei”

von Achmed El Bureiasi

Warst du dabei,
als erste Morgenlichter das Gesicht der Welt freigaben,
zarte Taufahnen das Gewand der Wiesen netzten,
junge Falter die Herberge der Nacht verließen,
noch ehe Neugier dem schlaftrunkenen Tag Reiz verlieh?

Warst du dabei,
als erste Sonnenstrahlen der Vögel Gesang erhellten,
kecke Bienen dem Lockduft der Blüten folgten,
Galeeren von Ameisen den Waldboden säumten,
noch ehe Jugend dem aufbrechenden Tag Glanz verlieh?

Warst du dabei,
als erste Regentropfen das Licht der Sonne brachen,
waidwunde Rehe die Stunde des Unheils witterten,
unbekannte Maler einen Regenbogen zeichneten,
noch ehe Fülle dem fortschreitenden Tag Würde verlieh?

Warst du dabei,
als erste Wolken die Stirn des Himmels dunkelten,
versunkene Greifvögel dem Ruf der Wildnis lauschten,
aufgestaute Lasten die Wut auf Freiheit entluden,
noch ehe Reife dem vergehenden Tag Haltung verlieh?

Warst du dabei,
als erste Blitze dem Unwetter Signallicht boten,
verirrte Waldgenossen die Flur der Heimat suchten,
apokalyptische Kräfte ihr stummes Reiterlied sangen,
noch ehe Weisheit dem endenden Tag Sinn verlieh?

Warst du dabei,
als erste Blicke den Weg nach draußen fanden,
verarmte Wiesen den Klagesatz der Dürre schrieben,
gefallenes Gehölz den Meineid aufs Leben schwor,
noch ehe Vergebung dem vergangenen Tag Recht verlieh?

Warst du dabei
oder war es ein verlorener Tag?

c Achmed El Bureiasi mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung im Rahmen der Aktion “Der Holzstift”.

Alle Rechte beim Autor

2. Preis für den Text “Weidenstift”

von Alwina Huck

(Eine kleine Erzählung oder ist es doch schon ein Märchen ?)

Ich drehe ihn in der Hand, und er lächelt mich an mit seinen Astlochaugen und dem geschwungen eingebrannten Namen von meiner Mutter: „Katharina“. Im Sommer vor zwölf Jahren war ich in der alten Heimat Kasachstan, zu Besuch bei meinem großen Bruder. „Schwesterchen,“ sagte er einmal, „las uns kurz ins Wäldchen fahren, den kleinen Kälbern frisches Heu mähen.“ Für meinen Bruder die natürlichste Sache des Alltags, für mich, die Besucherin – ein Geschenk.

Solange er seine Sense im duftigen Waldlichtungsgras pfeifen lies, fächerte ich mir ums Gesicht mit einem großen Weidenzweig und ging neugierig von einer mir längst bekannten Birke zu einer weiteren älteren Zitterespe, und betrachtete das steifreife Binsengras.

In meiner Kindheit holten wir am Gründonnerstag Büschelchen von diesem Bin-sengras und Arme voll von den klebrigen Birkenzweigen nach Hause. Damit hatte die Mutter das Stübchen für Pfingsten geschmückt. Im Winter machten wir um das Wäldchen heftige Skiwetten.

Und als ich noch kleiner war, stellte ich mich auf die Ski zu meinem Bruder, hielt mich fest an seinem Jackengurt, und wir sausten zu zweit aus der Birkenhöhe in die Schneesteppe. Das Runterhuschen war so entsetzlich freudig, dass mir auch beim dicken Frost heiß wurde. Für diese Trickfahrt hatte mein Bruder auf seine Ski einen Haftstreifen für meine Filzstiefel gemacht.

Hoch auf dem Heu sitzend, kamen wir lustig mit dem Pferdewagen ins Dorf. An dem Abend, „nach den Kühen“, probierte mein Bruder das Drechslerbastlerset aus, das ich ihm als Geschenk mitgebracht hatte. Er kreierte aus meinem Weidenzweig einen Schreib¬stift für unsere Mutter, die in Deutschland bei mir lebte und derzeit sehnsüch¬tig auf mein Zurückkommen und die Berichte aus Kasachstan wartete.

Wanjas Enkelkinder saßen artig um mich herum. Ich erzählte, wie kühn ihr Opa immer schon war, wie jung und groß ich das Wäldchen vorgefunden habe. Ich er-klärte, wie sich ihre Uroma auf diesen selbstgebastelten Stift freuen würde.

Unsere Mutter ist nicht mehr da. Seit einigen Monaten ist auch mein großer Bruder für immer ins Wäldchen gegangen. Der Dorffriedhof befindet sich an einer Randseite von ihm. Der Wind ist dort immer leise, und die Gräser bewegen sich sanft und leise.

Das schrieb mir eine Enkelin von ihm.

c Alwina Huck mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung im Rahmen der Aktion “Der Holzstift”.

Alle Rechte bei der Autorin


3. Preis für den Text “Die Entdeckung”

von Peter Suska-Zerbes

„Verzeihen Sie, ich habe mich hier im Wald verlaufen“, sagte Herr Reich zu der jungen Frau, die an einer Quelle saß, und gerade beginnen wollte, auf ihrer Harfe zu spielen. Anmutig lächelte sie ihn an: „Mir will scheinen, Ihr habt euch nicht nur hier im Wald verirrt.“

Verunsichert starrte Herr Reich sie an, aber da er im Moment nichts lieber wollte, als schnell aus dem Wald wieder herauszukommen, verzichtete er darauf, sich weiter danach zu erkundigen, fragte stattdessen nur drängend: „Gute Frau, eine Menge von äußerst wichtigen Aufgaben und Angelegenheiten muss ich heute noch in der Stadt erledigen. Könnt ihr mir nun helfen, mich zurechtzufinden, oder nicht?“

„Sicher kann ich Euch diesen Wunsch erfüllen. Nehmt dort nur einen Moment Platz!“ Mit ihrer zarten Hand wies sie auf einen Felsblock, der gleich neben der Quelle lag. Da er in großer Eile war, wollte Herr Reich zunächst nicht ihrer Aufforderung nachkommen, gab dann aber doch mit einem leichten Seufzen nach. „Viel Zeit habe ich aber nicht.“ Kaum hatte er sich hingesetzt, war die junge Frau auch schon verschwunden. Ungeduldig schaute Herr Reich sich um. Nichts als goldfarbene Sonnenstrahlen, die überall durch die dichten Äste und Zweige sickerten und geheimnisvolle Muster auf dem Waldboden zeichneten.

Trrrrrt! Trrrrrt! Trrrrrt! Ein Specht, der auf einen Baumstamm einhämmerte. Gleich Herrn Reich gegenüber huschte ein Eichhörnchen geschickt einen Baumstamm hinauf, immer wieder anhaltend, um sich umzuschauen. Verwirrt rief Herr Reich nach der jungen Frau, horchte, ob er sie in der Nähe hören konnte. Nichts als das lustige Zwitschern eines kleinen bunten Vogels, der nach seiner Partnerin rief. Ein Huschen im Laub: Nichts als ein Fuchs mit buschig rotem Schwanz, der vorbeitrottete. Viel ruhiger geworden lauschte Herr Reich weiter in den Wald hinein: Nichts als das leise Rauschen des Windes in den Blättern, das gelegentliche Glucksen der Quelle neben ihm.

So schaute und lauschte er ein lange Weile, erkannte wie wenig er von all diesen kleinen Geheimnissen des Waldes bisher bemerkt hatte: Wie viele kleine Wunder der Schöpfung gab es doch um ihn hier herum. Als er sich der ganzen Schönheit des Waldes bewusst wurde, vergass er all seine Geschäfte in der Stadt. So saß er lange dort und sann darüber nach, was wirklich wichtig in seinem Leben war, verstand, dass er einen großen Teil seiner Jahre vergeudet hatte.

Als er nach unendlich langer Zeit in die Stadt zurückkehrte, traf er einen Mann, den er von früher kannte und der ihn auch sofort ansprach: „Herr Reich, Ihr? Weil man Euch für tot hielt, wurde Euer Geschäft bereits vor Jahren verkauft.“ Sanft lächelte Herr Reich, als wenn er an etwas Wunderschönes denken müsste: „Nicht schlimm! Es gibt wirklich Wichtigeres auf dieser Welt!“

c Peter Suska-Zerbes mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung im Rahmen der Aktion “Der Holzstift”.

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